Der jüdische Dandy: Die Selbstinszenierung des Theodor Herzl

Ein Vortrag von Prof. Dr. Julius H. Schoeps im Rahmenprogramm zur Ausstellung „Am I Dandy?“

Donnerstag, 13. Oktober um 19 Uhr im Schwules Museum*

Auch in der jüdischen Welt gibt es den Typus des Dandy, nur bezeichnet man ihn nicht so, sondern nennt ihn meist „Schmock“, was ironisch-abwertend gemeint ist und so viel bedeutet wie Angeber, Schönling oder Snob. Das Wort, das aus dem Jiddischen stammt, und ursprünglich den Tölpel oder den Idioten meinte, wurde zunehmend benutzt, um einen unangenehmen Menschen entsprechend zu bezeichnen, oder um jemanden spöttisch zu karikieren, der eitel beziehungsweise arrogant ist, sich aber einbildet, intelligent, gutaussehend und geistreich zu sein. Friedrich Torberg hat in seinem Buch Die Tante Jolesch den „Schmock“ als Synonym für den Snob beschrieben und diesem damit ein Denkmal gesetzt. Aber nicht nur in der jüdischen Binnenperspektive finden sich Darstellungen des „jüdischen“ Dandy, sondern vor allem auch in den antisemitischen Karikaturen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die den Zweck hatten, den Juden als abschreckendes Gegenbild zum „Normalbürger“ hinzustellen. Beispielhaft ist die Karikatur „Ein jüdischer Elegant“ aus dem Jahre 1804, die einen wohlhabenden Gecken zeigt, der sich selbst und seine Ausstaffierung in einem Handspiegel bewundert. Dieses in der Karikatur vermittelte Bild bündelte alle Vorurteile der Zeit. Dazu gehörte insbesondere das angeblich physische Anderssein des Juden, das in diesem Fall allerdings nicht, wie sonst durchaus üblich, durch O-Beine und Plattfüße, sondern nur durch eine überproportionierte Nase dargestellt wird. Antisemiten jeder Couleur haben sich Karikaturen dieser Art immer wieder bedient, wenn es darum ging, den Juden als Juden zu kennzeichnen. Die Bilder, die gezeichnet wurden, tauchten in Variationen immer wieder auf, in den Blättern der Arbeiterbewegung um die Jahrhundertwende, aber beispielsweise auch in den 1930er-Jahren in Julius Streichers NS-Parteiblatt Der Stürmer. In der Aussage unterscheiden die Bilder sich kaum voneinander. Sie zeigen die bekannten antijüdischen Stereotype, die sich tief in die Vorstellungs- und Einbildungswelt der Nichtjuden eingeprägt haben und bei entsprechenden Gelegenheiten abgerufen werden konnten: So findet sich beispielsweise das groteske Zerrbild des Kapitalisten, der geckenhaft gekleidet, voll Protz eine funkelnde Goldkette über dem Bauch trägt und stolz die ihm verliehenen Orden auf seiner Brust zur Schau stellt. Oder das Bild des „jüdischen“ Kavaliers, der ausgestattet mit Stock und Zylinder, in der devoten Körperhaltung eines sich Anbiedernden meist so dargestellt wird, als ob es ihm hauptsächlich darauf ankäme, bei den Nichtjuden Eindruck zu schinden.

Im Rahmen des Vortrags soll aber in erster Linie das Selbstbild der Juden näher betrachtet werden, das natürlich stark von der Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft geprägt war. Häufig kann es als eine Art Selbststilisierung bezeichnet werden, wie der Fall des Journalisten und Bühnenschriftstellers Theodor Herzl (1860–1904) zeigt, dessen Leben teilweise repräsentativ ist für den Wunsch vieler Juden nach Toleranz und Akzeptanz. Wer als Jude in dieser Zeit beachtet und angenommen werden wollte, der musste sich durch besondere Leistungen auszeichnen, sei es als Kaufmann, sei es als Wissenschaftler oder Kulturschaffender. Wenn dem nicht so war, musste er nach anderen Wegen suchen, sich Gehör zu verschaffen.

Aber war Theodor Herzl nun ein „jüdischer“ Dandy, jemand, der besonderen Wert auf seine Kleidung und auf sein Auftreten legte? War er gar der Typus des eitlen Stutzers, der die Wiener Kaffeehäuser um 1900 bevölkerte? Diese Frage kann wohl kaum abschließend beantwortet werden, aber es gibt einige Indizien, denen es sich nachzuspüren lohnt: Herzl gab sich so, wie er sich vermutlich selbst sah. Der Wirkung, die von ihm und seiner Person ausging, war er sich sicherlich bewusst. Diese Wirkung versuchte Herzl möglichst überall dort vorteilhaft zur Geltung zu bringen, wo er der Ansicht war, die Stilisierung bestimmter Persönlichkeitsmerkmale (die Betonung der Körperhaltung und bestimmter Gesten sowie eine gewählte Art des Sprechens) könnten ihm bei der Realisierung seiner Pläne helfen. Dafür bediente er sich der verschiedensten Mittel sowohl bei öffentlichen Auftritten als auch bei seinen Veröffentlichungen. So verfügte Herzl sicherlich über eine (dandyhafte) auratische Autorität, die ihm bei seinen Auftritten von Nutzen war. Auch legte er Wert auf eine gewählte Sprache. Viele der von ihm bei diesen Gelegenheiten benutzten Redewendungen waren ganz offensichtlich darauf angelegt, bei seinen Lesern beziehungsweise Zuhörern Eindruck zu hinterlassen. Darüber verlor er allerdings nie die „eingeborene Noblesse“ (Stefan Zweig) aus dem Blick.

Und eine zentrale Dandy-Maxime erfüllte Theodor Herzl zweifellos: Er verband Leben und Werk zu einem Gesamtkunstwerk, und die Vision eines Judenstaats blieb auf diese Weise untrennbar mit seiner Person verbunden.

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