Tora-Lesekreis beim Hummus & Friends

Es ist ein sonniger Juni-Sonntagsnachmittag. Wie in jedem Monat versammelt sich eine Gruppe von Tora-Leserinnen und -Leser, diesmal bei Hummus & Friends in Berlin Mitte. Die warme, gemütliche Stimmung, die wir für die montalichen Treffen in unserer Wohnung für wesentlich halten, lässt sich leicht auch im koscheren Cafe-Restaurant schaffen. Auch bei diesem Treffen ist es, wie immer bei uns, sehr gemischt und vielfältig. Es waren dabei einige orthodoxe religiöse Juden, ein äthiopischer Christ, eine Muslima, ein Akademiker im Bereich Jüdischen Studien, und andere noch.

Alle sind aus demselben Grund gekommen: Alle interessieren sich für die nächsten Geschichten, die wir aus der Tora lesen werden. Wir setzen uns an einem Tisch im Garten und fangen an zu lesen. Wir lesen über Jaakow, der nach Aufforderung von G-tt mit der Familie und dem ganzen Haushalt nach Beit El zieht, aber zuerst müssen die alten Götzen, Goldschmuck und Nasenringe begraben werden. Auf dem Weg kommt die zweite Schwangerschaft Rachels, die beliebte Frau Jaakows, zu Ende, und traurigerweise damit auch ihr Leben. Sie hat Schwierigkeiten bei der Geburt und stirbt, wobei ihr zweiten Sohn, Benjamin, geboren und zu einem der zwölf Stämme Jisraels wird.

13321931_10153634953187286_312681741421390627_nNatürlich fängt dann plötzlich an, zu regnen. Wir befinden uns aber alle schon so tief in der Lesung, dass wir den Zwangsumzug zum inneren Raum des Restaurants fast gar nicht bemerken, und wir setzen die Diskussion um den Text fort. Ab und zu wenden wir uns an unseren ständigen Begleiter, Raschi (Rabbi Schlomo Jizchaki), der berühmte Tora-Kommentator aus dem mittelalterlichen Frankfreich, der von Beruf auch Champagne-Hersteller war. Sein Kommentar steht unter dem Text in der Bibel, aus der wir lesen, und er erklärt für uns schwierige Stellen und bietet Ideen zur Auslegung und Interpretation des Geschehens.

Es sind aber am meisten die TeilnehmerInnen, die ihre eigenen Ideen und Interpretationen in die Diskussion bringen. So haben wir diesen Tora-Lesekreis vor ein paar Jahren konzepiert, nicht als ein Unterricht, sondern als einen offenen Austausch von Überlegungen zur Tora. So haben das auch die Rabbiner gemacht, wie man unmittelbar spüren kann, wenn man den Talmud liest. Auch da geht es um eine Diskussion einer bunten Gruppe von jüdischen Gelehrten aus unterschiedlichen Hintergründen, die gemeinsam die schriftliche und mündliche Tora auslegen. Sehr oft kann man sich beim Lesen die alltägliche Situation vorstellen, in der sich die Rabbiner gerade befinden, während sie die Texte auslegen. Beispielsweise liest man mitten in der talmudischen Diskussion über einen Gelehrten, der sich ein Pitabrötchen belegt und es isst. Mit unserer Tora-Lesung samt Getränken und Hummus folgen wir also anscheinend eine lange jüdische Tradition.

Die Möglichkeit, die eigenen Gedanken zu entwickeln, gibt die TeilnehmerInnen einen 13346456_10153634953337286_3899882993421108838_ndirekten Zugang zum Text der Tora. Die Verbindung damit fühlt sich dann am intimsten an. Deswegen sind auch die unterschiedlichen Hintergründen der Anwesenden äußerst bereichend. Es öffnet sich ein spontanes und sehr interessantes Gespräch über Joseph und seine Figur im Islam, wo er als Prophet gilt, und im Judentum. Wir lesen dann weiter und kommen zu einer langen genealogischen Liste der Nachkommen von Esaw, dem Zwillingsbruder von Jaakow, der in der jüdischen Tradition als Erzvater der Römer gilt. Die Römer zählen zu den schlimmsten Feinden des Volkes, die es einmal fast vernichtet und die übrig gebliebenen ins Exil vertrieben haben. Deswegen fragen wir uns, warum diese lange Liste in der Tora überhaupt steht, und was wir daraus lernen oder damit anfangen sollen. Das ist das Schöne an der Tora, das sich in unseren Treffen immer wieder enthüllen lässt: Die Herausförderung, auch über die langen, unklaren Teilen, die auf den ersten Blick vielleicht bedeutungslos oder unerklärbar erscheinen, zu sprechen und darin einen Sinn zu finden. Und wir glauben, einen Sinn auch in der Liste der Nachkommen von Esaw entdeckt zu haben. Jemand schlägt vor, dass auch Esaw ein Nachkommen von Abraham ist, und deswegen bekommt er einen Ehrenplatz in der Bibel.

Zum Schluss bestellen die meisten leckeren, unwiderstehlichen Hummus, und den Nachmittag endet sich mit einem gemütlichen, gemeinsamen Quatschen über dies und das. Raschi, wahrscheinlich zufrieden, an einer weiteren Tora-Diskussion teilgenommen zu haben, wird in den Rucksack wieder eingepackt, bis zum nächsten Mal.

Cecilia & Yair Haendler

tora@hillel-deutschland.de

Siehe Bilder hier oder erfahren Sie mehr über Hillel Deutschland

 

 

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